Heliographie-Projekt 1827–2027

Przemek Zajfert

Die Suche

Ich durchstreife die Bildräume von Google Street View und suche nach Momenten, die nicht für den Blick gemacht wurden.

Eine Frau, die sich nach vorne beugt. Zwei Körper, vom Bildrand abgeschnitten. Momente von weniger als einer Sekunde – aufgezeichnet von einer Maschine, die nicht wusste, dass sie etwas festhält.

Der heliographische Prozess

Wenn ich einen solchen Moment finde, beginne ich einen langsamen Prozess. Ich löse Bitumen in Lavendelöl, beschichte Zinkblech und setze sie dem Sonnenlicht aus. Jede Platte wird nur einmal belichtet. Es gibt keine Korrektur, keine Wiederholung.

Der Weg vom Screenshot zur Platte ist eine Folge von Verlusten. Zwischen dem Screenshot und der Platte liegt das Internegativ – ein Zwischenbild auf Transparentfolie, invertiert, noch reversibel. Es ist der letzte Moment, in dem das Bild korrigierbar wäre. Ich korrigiere nicht. Was bleibt, ist das, was das Licht einschreibt.

Asphalt und Zeit

Das Material ist Asphalt – derselbe Stoff, aus dem die Straße besteht, auf der das Bild aufgenommen wurde. Die Straße kehrt ins Bild zurück.

Viele dieser Aufnahmen existieren nicht mehr. Sie wurden überschrieben, aktualisiert, gelöscht. Der Moment ist zweimal verschwunden: im Leben und in der Datenbank.
Was bleibt, ist die Platte: fragil, unvorhersehbar, irreproduzierbar.

1827 brauchte Niépce Tage, um Licht auf Asphalt zu fixieren. Zweihundert Jahre später belichte ich Bilder, die von Maschinen gemacht und von Maschinen gelöscht werden. Das Verfahren ist dasselbe. Die Frage ist eine andere.

Manchmal führt dieser Verweis ins Leere. Dann ist die Heliographie das letzte Bild.

Theoretische Vertiefung: Indexikalität und Autorschaft

Was beweist eine Fotografie, wenn die Maschine den Moment bereits vergessen hat? Gedanken zum theoretischen Unterbau des Projekts finden Sie in meinem Essay „Das Spektrum des Realen“ auf Medium.

[ → Essay auf Englisch lesen (Medium) ]