Das Kontaktverfahren der Heliographie (1822)

Im Jahr 1822 gelang Joseph Nicéphore Niépce das erste fotografische Bild, das dauerhaft fixiert werden konnte: eine Kopie eines Kupferstichs, hergestellt durch direkten Lichtkontakt auf einer mit Bitumen beschichteten Metallplatte.

Es war nicht das erste Foto der Welt im heutigen Sinne – aber es war der Beweis, dass Licht ein Bild dauerhaft in Materie einschreiben kann.

Dieses Verfahren – das Kontaktverfahren der Heliografie – ist das älteste bekannte funktionierende fotografische Verfahren. Es entstand nicht aus dem Wunsch, die Welt abzubilden, sondern aus einem praktischen Ziel: Drucke mechanisch zu kopieren, ohne sie von Hand gravieren zu müssen.

Warum Niépce das Verfahren entwickelte

Niépce war kein Künstler, der Landschaften festhalten wollte, sondern ein Erfinder mit einem technischen Problem.

Die Lithografie, kurz zuvor von Alois Senefelder entwickelt, hatte gezeigt, dass Bilder durch chemische Prozesse reproduziert werden konnten. Niépce wollte weitergehen: Er suchte nach einem Verfahren, das ohne manuelles Gravieren auskommt und Drucke automatisch kopiert.

Die Lösung fand er in der Lichtempfindlichkeit von Bitumen – einem natürlichen Asphalt, der unter Sonnenlicht aushärtet und in diesem Zustand unlöslich wird.

Die Materialien

Für das Kontaktverfahren benötigte Niépce:

– Bitumen (Syrischer Asphalt / Bitume de Judée), fein gemahlen und in Lavendelöl aufgelöst
– Eine polierte Metallplatte – Kupfer, Weißblech, Aluminium oder Zinn
– Eine Eisenplatte zum Trocknen der Beschichtung
– Einen transparenten Abzug des Drucks (durch Firnis oder Wachslösung)
– Sonnenlicht
– Verdünntes Lavendelöl zur Entwicklung

Der verwendete Asphalt stammte vermutlich aus der Mine de Pyrimont bei Seyssel im Rhonetal, etwa 100 Kilometer von Niépces Gutshof Le Gras entfernt.

Pyrmont an der Rhône, Mine d’Asphalte

Pyrmont an der Rhône, Mine d’Asphalte

Natural asphalt from Pyrimont — the material used to create the world’s first photograph.

Natur Asphalt – aus Pyrimont

So funktioniert das Kontaktverfahren – Schritt für Schritt

1. Die Metallplatte wird mit in Lavendelöl gelöstem Bitumen dünn beschichtet.
2. Die Platte trocknet auf einer erhitzten Eisenplatte.
3. Ein Druck wird durch Firnis oder Wachs transparent gemacht.
4. Der transparente Druck wird auf die Platte gelegt und belichtet.
5. Licht härtet das Bitumen in den hellen Bereichen aus.
6. Die weichen Bereiche werden mit Lavendelöl ausgewaschen.

Das Ergebnis ist ein dauerhaft fixiertes Bild.
Niépces erstes erhaltenes Ergebnis mit diesem Verfahren war 1822 eine Reproduktion eines Kupferstichs mit dem Bildnis von Kardinal Georges d’Amboise. Es ist eines der ersten fotografischen Bilder, die je hergestellt wurden.

Belichtungszeit:
Mehrere Stunden in direktem Sonnenlicht – im Sommer etwa 4–6 Stunden.

Das Kontaktverfahren der Heliographie (1822)<br />

Was das Kontaktverfahren von der Camera Obscura unterscheidet

Das Kontaktverfahren erzeugt kein eigenständiges Bild der Welt, sondern kopiert ein vorhandenes Bild.Es gibt keine Linse, keine Kamera, keine Perspektive – das Licht folgt exakt der Vorlage.Im späteren Verfahren mit der Camera Obscura (ab 1824–1827) entsteht dagegen ein Bild der sichtbaren Welt.

→ Mehr über die erste Fotografie (1827)

Meine Rekonstruktion — fünfzehn Jahre mit Niépces Verfahren

Vor fünfzehn Jahren stieß ich zum ersten Mal auf Niépces Notice sur l’héliographie von 1829. Die Frage ließ mich nicht los: Wie genau sah dieser Prozess aus? Wie hat er sich angefühlt? Es gab kaum Literatur — keine detaillierten technischen Beschreibungen, keine Schritt-für-Schritt-Anleitungen.

Also fuhr ich nach Chalon-sur-Saône, wo Niépce lebte und arbeitete. Ich suchte die Asphaltmine Pyrimont bei Seyssel auf — der wahrscheinlichen Quelle seines Bitumens. Als ich schließlich vor den Ruinen der Mine stand, war der Eingang mit eisernen Toren versperrt. Die Mine war längst verlassen.

Ich begnügte mich mit ein paar Asphaltbrocken, die in der Nähe des Eingangs lagen — kleine, schwarze, brüchige Stücke aus derselben geologischen Formation, die Niépce fast zwei Jahrhunderte zuvor genutzt hatte.
Dies ist die Oberfläche, auf der das Licht zum ersten Mal zu schreiben begann.

Das Lavendelöl besorgte ich in der Provence, in der Nähe einer Destillerie. Sein Geruch ist stechend, fast medizinisch — völlig anders als blühender Lavendel. Wer stundenlang damit arbeitet, Bitumen löst, Platten beschichtet, Emulsion abwäscht, trägt ihn überallhin mit.

Er wird zum Geruch der frühen Fotografie.

In meinem Atelier in Stuttgart begann ich dann die eigentlichen Experimente. Ich zermahlte die Asphaltfragmente, löste sie in Lavendelöl auf, polierte Zinnplatten. Ich stellte fest: Die beste Emulsion ist nicht frisch, sondern einige Tage alt. Ich musste die richtige Trocknungstemperatur finden — 50 oder 100 Grad Celsius —, die korrekte Emulsionsdicke, die Auftragsmethode. Die Versuche dauerten fast ein Jahr.

Beim Kontaktverfahren belichtet man im Sommer bei direktem Sonnenlicht etwa vier Stunden, im Herbst bis zu sechs. Anders als Niépce, der Papierabzüge in Wachslösung tauchen musste, um sie transparent zu machen, drucke ich meine Internegative auf Offsetfilm. Das Prinzip ist dasselbe — das Licht arbeitet durch den transparenten Träger hindurch.

→ Was Asphalt mit der ersten Fotografie zu tun hat. Dieser Text ist auf Englisch auf Medium erschienen.

Kontaktverfahren nach Niépce (1822) | Belichtungszeit: ca. 1 sonniger Tag | Bitumen auf Metallplatte | © Przemek Zajfert

Was dieses Verfahren bedeutet

Das Kontaktverfahren von 1822 ist kein Randdetail.
Es ist der Moment, in dem Licht erstmals ein dauerhaftes Bild erzeugt – ohne Hand, ohne Zeichnung.
Von hier aus entwickelt sich die gesamte Fotografie.
Und es bleibt eine zentrale Frage:
Was bedeutet es, wenn Licht ein Bild in Materie einschreibt – langsam, unwiderruflich, ohne Wiederholung?

→ Zum Heliography Project 1827–2027

Quellen und weiterführende Literatur

  1. Notice sur l’héliographie, 1829, Joseph Nicéphore Niépce — Bibliothèque nationale de France, Département Estampes et Photographie
  2. Helmut Gernsheim, Geschichte der Photographie. Die ersten hundert Jahre, Propyläen Verlag, Frankfurt 1983
  3. Harry Ransom Center: Introducing The Niépce Heliograph (Jessica S. McDonald)