„In irgendeinem abgelegenen Winkel des in zahllosen Sonnensystemen flimmernd ausgegossenen Weltalls gab es einmal ein Gestirn, auf dem kluge Tiere das Erkennen erfanden. Es war die hochmütigste und verlogenste Minute der »Weltgeschichte«; aber doch nur eine Minute. Nach wenigen Atemzügen der Natur erstarrte das Gestirn, und die klugen Tiere mußten sterben.“

Friedrich Nietzsche
Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn

Für immer und ewig

Heliographien für meine Söhne

Die älteste Fotografie „lebt“ seit 200 Jahren unter uns. Hier ist das Rezept für die „Ewigkeit“:

Löse 3 Gramm syrischen Asphalt in 15 ml Lavendelöl. Warte ein paar Tage. Trage die Emulsion mit einem Pinsel auf Weißblech auf. Lass die Emulsion auf einer heißen Gussplatte etwa 20 Minuten trocknen. Belichte die Platte zwei bis drei Sonnentage lang. Spüle die nicht ausgehärtete Asphaltemulsion mit Terpentin- oder Lavendelöl ab.

Joseph Nicéphore Niépce nannte diesen Prozess Heliographie. Er beschrieb ihn 1829 in seiner Notice sur l’Héliographie. Es handelt sich um das erste fotografische Verfahren, bei dem ein durch die Camera Obscura eingefangenes Bild dauerhaft auf einer Metallplatte festgehalten wurde. Niépce ist längst gegangen. Das Bild bleibt.

Die hier gezeigten Heliographien entstanden zwischen Februar und Dezember 2017, während meiner Krebsbehandlung. Ich habe sie für meine Söhne gemacht – in den Monaten, in denen mir die Worte fehlten. Licht und Schatten wurden zu meiner Sprache. Das Notizbuch blieb leer.

Erst 2019 habe ich die Arbeiten sortiert, betitelt und gerahmt. Anlass war die Ausstellung beim Interphoto Festival in Białystok, Polen – ko-finanziert vom polnischen Kulturministerium. Alle Werke tragen das Datum 2019: den Moment, in dem sie aus dem Privaten heraustraten und zu Kunst wurden.

Montag, 6. Februar 2017.
Meine Frau und ich warten auf die Ergebnisse meines CT-Scans. Der Warteraum ist schmal. Links ein großes Fenster. Gegenüber zwei Türen: Kabine 1, Kabine 2. Stille. Die Menschen, die hier sitzen, sprechen nicht …
Das vollständige Journal finden Sie auf Medium: When Light Meets Asphalt →