„In einem Spätsommertag im Jahr 1826, nach mehrtätiger Belichtung hielt Joseph Nicéphore Niépce die älteste uns heute erhaltene Fotografie (von ihm selbst Heliographie genannt) in den Händen. Rein Virtuelles, bis dato Un(be-)greif-bares wurde auf einer mit lichtempfindlichem Asphaltlack beschichteten Zinnplatte real, verewigt, transportfähig.“

aus dem Buch „Camera Obscura Tübingen“, 2004 von Przemek Zajfert, Carsten Kauth und Wolfdietrich Müller mit einem Vorwort von Walter Jens

Przemek Zajfert in seinem Atelier in Stuttgarter Westen

„Wenn ich diese Metallplatte, die mit einem zarten noch nicht getrocknetem Asphaltbild bedeckt ist, aus der Schale rausnehme, weiß ich, dass ich etwas Konkretes in den Händen halte, gleichzeitig aber habe ich das Gefühl, dass ich eine andere Dimension, andere Zeit berühre. Eine Welt die magisch und mir völlig fremd ist.“

2019, Przemek Zajfert in seinem Atelier im Stuttgarter Westen. Mehr unter: zajfert.de

Auf den Spuren von Joseph Nicéphore Niépce, dem Erfinder der Photographie

mit Martin Hein,  März 2015

Joseph Nicéphore Niépce – * 7. März 1765 in Chalon-sur-Saône, Frankreich; † 5. Juli 1833 in Saint-Loup-de-Varennes.

Niépce, der eine Schwester und zwei Brüder hatte, war von 1789 bis 1811 Offizier in der französischen Armee; er verwaltete zwischen 1795 und 1801 den Distrikt Nizza, widmete sich dann mit seinem Bruder Claude Niepce in seiner Vaterstadt mechanischen und chemischen Arbeiten und ab 1815 der Lithografie. Ab dem Jahr 1816 beschäftigte sich Niépce mit der Herstellung von Bildern mit einer Camera Obscura.

“Die durch die Camera obscura aufgenommenen Bilder mit den Abstufungen der Töne von Schwarz bis Weiß durch die Wirkung des Lichtes von selbst zu reproduzieren”  aus dem Notice sur l’Héliographie, 1829

Für seine ersten Versuche positionierte er auf der Rückseite einer Camera obscura Blätter aus Papier, die mit Silbersalzen beschichtet waren. Es war bekannt, dass Silbersalze (Silberchlorid) durch Lichteinwirkung dunkel werden. Im Mai 1816 produzierte er das erste Bild der Natur: ein Blick aus dem Fenster. Es war ein Negativ und das Bild war nicht haltbar. Nach dem Öffnen der Camera ging der Belichtungsprozess weiter, das Bild schwärzte sich zunehmend und verschwand irgendwann vollständig. Niépce nannte dieses Verfahren „Retina“. Auf diesem Verfahren basiert die Aufnahmetechnik aus dem Projekt „THE 7th DAY“. Enttäuscht, dass es keine Möglichkeit gab, diese erste Fotografie haltbar zu machen, widmete sich Niépce anderen Verfahren.

Im März 1817, konzentrierte Niépce seine Aufmerksamkeit auf das Guajakharz. Dieses gelbe Harz, dem Tageslicht ausgesetzt, verändert seine Farbe ins Grüne. In Alkohol ist es zudem schwer löslich. Damit konnte man also im Prinzip dauerhafte Fotografien herstellen. Diese Eigenschaft des Harzes wird allerdings nur durch UV Licht hervorgerufen. Die Glaslinsen seiner Camera Obscura filterten dieses Licht aber weitgehend aus und das Guajakharz veränderte seine Eigenschaften in der Camera nicht. Kontaktkopien in direktem Sonnenlicht waren machbar, aber leider keine Fotografien mit seiner Camera Obscura.

Enttäuscht wendete sich Niépce anderen Substanzen zu, besonders dem Naturasphalt, auch bekannt als „Bitume de Judée“. In Frankreich wurde das zähe, schwarzbraune Mineral damals auch in der Mine du Parc, einer Grube bei Seyssel, ungefähr 100 Kilometer von seinem Landsitz entfernt, gewonnen. Fein gepulverter Naturasphalt wird in Lavendelöl aufgelöst und auf Metallplatten (Kupfer, Weißblech), Stein oder Glas ganz dünn aufgetragen. Nach dem Trocknen auf einer heißen Eisenplatte kann man das beschichtete Material belichten. Die Belichtungszeit für Kontaktabzüge beträgt mit Sonnenlicht mehrere Stunden. In einer Camera Obscura dauert die Belichtung mehrere Tage. Je nach Lichtmenge härtet der Asphalt unterschiedlich stark aus. Nach dem Belichten kann man die weicher gebliebenen Stellen (an die weniger Licht gelangte) mit einem Gemisch aus Lavendelöl und Weissöl auswaschen. In seinen “Notice sur l’Héliographie” beschreibt er sein Verfahren ausführlich.

Mehr Informationen finden Sie unter: Auf den Spuren von Joseph Nicéphore Niépce

Blick aus dem Arbeitszimmer von Le Gras (französischer Titel La cour du domaine du Gras „Der Hof des Gutshofes von Le Gras“ oder Point de vue du Gras „Ansicht von Le Gras“) ist die erste erfolgreich aufgenommene und erhaltene Fotografie der Welt. Sie wurde 1826 von Joseph Nicéphore Niépce im französischen Saint-Loup-de Varennes hergestellt. 

Literatur

  • Helmut Gernsheim, «Vorstufen und frühe Entwicklungen», in Helmut Gernsheim (Hg.), Geschichte der Photographie. Die ersten hundert Jahre (Frankfurt a. M.: Prophyläen Verlag 1983), 11–41.

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